Presse

Südwest Presse, 21. November 2020

Gerlinde Buck
Echte Wertarbeit

„Was für eine himmlische Ruhe! Nicht eine, die nervös reagiert oder aufspringt, wenn man in den Stall kommt. Die Kühe liegen da, der Kopf ruht an der Nachbarin, alle käuen wieder und sind restlos zufrieden. Jeder hat einen Namen und ihren eigenen Platz, so wie es sich gehört…“

Der 78-jährige Hindelanger Alfred Füß hat in seinem Leben schon viele Kuhställe gesehen, auch große und moderne, aber am meisten schwärmt er von einem kleinen, „wirklich alten, in dem fünf Kühe und zwei Jungrinder stehen“. Füß´ Leben war geprägt vom Umgang mit Vieh. Er arbeitete auf dem heimatlichen Bauernhof, als Hirte, Melker, Senn, später als Zuchtwart für landwirtschaftliche Betriebe im Oberallgäu. Als Einrenker ist er im Allgäu nach wie vor ein gefragter Mann. Ausgekugelte Gelenke und Fußbrüche kommen heutzutage auch deswegen häufig vor, weil die Kälber viel schneller wachsen als früher und ihre Knochen nicht mehr so kräftig sind. Abgesehen davon sind Laufställe mit Spaltenböden nicht gerade fußfreundlich: Viele Kühe leiden früher oder später unter Klauen-Verletzungen und -Geschwüren.
Alfred Füß ist einer von Dutzenden Männern und Frauen, die in dem neuen, still spektakulären Bildband „Milch“ versammelt sind. In Wort und Bild, in Dialekt und in Schwarzweiß, künden die Portraits vom Alltag der Bergbäuerinnen und Bergbauern, von harter Arbeit und von der Liebe zur Natur.

Wie sie allen Schwierigkeiten zum Trotz ihren kleinen Betrieb umtreiben, jeden Tag, manche ihr Leben lang, andere im Nebenerwerb, dafür hat der Hindelanger Fotograf Christian Heumader die Bauern in seiner Heimat schon immer bewundert. Der 67-jährige selbst hat zwar keine bäuerlichen Wurzeln, aber auf einem Bauernhof in der Nachbarschaft seine halbe Kindheit verbracht. 23 Sommer lang hat er auf einer Alpe Kühe gehütet. Sein gut 300 Seiten dicker Bildband ist insofern auch eine Bilanz seiner persönlichen Erlebnisse und Begegnungen.

Vor allem aber setzt Heumader den Bergbauern ein Denkmal. Und zwar ein zukunftsweisendes. Ist „das Alte“ doch in mancher Hinsicht „vielleicht sogar zukunftsfähiger als das Moderne“, wie er meint. Nur ein Beispiel: auch im Allgäu holt man das Heu heute nicht mehr mit dem Pferdegespann von der Wiese. Was nichts daran ändert, dass die steilen Hänge schwierig und nur mit viel Idealismus zu bewirtschaften sind. Ohne die Bergbauern, die diese Arbeit auf sich nehmen, würde die auch von Touristen überaus geschätzte Landschaft über kurz oder lang verwildern.
Gerade vor diesem Hintergrund sollte die Landwirtschaft in kleinbäuerlichen Strukturen viel mehr geschätzt und gefördert werden, findet Heumader. Noch dazu in topographisch anspruchsvollen Gegenden. Doch während die Bergbauern im Allgäu höchstens mit einer kleinen Aufwandsentschädigung beziehungsweise der so genannten Behirtungsprämie rechnen können, fließen Milliarden in die industrielle Landwirtschaft auf riesigen, topfebenen, „maschinengerechten“ Flächen. Mit den bekannten Folgen: Überdüngung, verschmutztes Grundwasser, tote Böden, Massentierhaltung…

Apropos Tierhaltung: während Missstände in Großbetrieben oft erst spät entdeckt und abgestellt werden, wie etwa vor kurzem die Qualen der Kühe in einem Großetrieb in Bad Grönenbach, wird in Kleinbetrieben gerne mal zügig tausendundeine Vorschrift exekutiert. Von der Anlage des Misthaufens (nur mit Betonplatte!) bis zur exakt temperierten Vorratshaltung. Selbst ein Landwirt mit nur eine Handvoll Milchkühe muss eine „Milchkammer“ vorweisen, sonst kann er zumachen. Egal, ob der kleine Stall super in Schuss und die Milch so gehaltvoll ist, dass man ohne Weiteres Käse aus ihr machen kann. Bei Industriemilch, die im Übrigen nicht selten in ganz Europa herumgefahren wird, „schafft man das nur noch mit viel Chemie“, sagt Heumader.

Dass er mit seinem Plädoyer für überschaubare Familienbetriebe und artgerechte Tierhaltung die politischen Entscheider erreicht, ist freilich unwahrscheinlich. Vielleicht aber wird bei dem einen oder anderen Genießer des Bildbands ja wenigstens so viel Interesse und Begeisterung geweckt, dass dieser sein Konsumverhalten überdenkt.
„Es ist doch so, dass viele keine Beziehung zum Wert der Dinge mehr haben“, bedauert im Buch die 77-jährige Bergbäuerin Marianne Blanz. „Was gilt heute noch eine Kuh, die beim Melken einen Zehn-Liter-Kübel füllt? Früher freut man sich darüber. Wenn der Schaum über den Kübelrand schwappte, platzte man vor Stolz.“

Wenn die Dinge mehr wertgeschätzt würden, nicht zuletzt die Milch von fitten Kühen aus dem Allgäuer Bergland, hätten am Ende alle etwas davon. Die Verbraucher, die Tiere und auch all jene jungen Bergbauern, die ihre Zukunft allen Widrigkeiten zum Trotz im Familienbetrieb sehen. Der 26-jährige Raphael Amann aus Unterjoch zum Beispiel ist fest entschlossen, einen Bio-Heu-Milchbetrieb zu führen. Und die Bäuerin und dreifache Mutter Margret Käufler, 39, aus Oberstdorf verkauft schon seit 2016 erfolgreich Heumilch ab Hof. Die Kundschaft kann sich die auch ganz modern an einem Automaten abfüllen. Kuhfrisch, natürlich.

Allgäuer Zeitung, 17. Oktober 2020

Klaus-Peter Mayr
Hartes Tagwerk auf steilen Wiesen

„Ebene Flächen sind auf unserem Hof rar“, sagt Otto Waibel. „Fast überall ist es bucklig, steil und arbeitsaufwändig“. Mit wenigen Worten beschreibt der 72-jährige Gunzesrieder genau, welche Herausforderungen sich Bergbauern wie er stellen müssen. Otto Waibel und seine Familie räumt Christian Heumader in seinem neuen Buch größeren Raum ein. Er lässt sie von ihrem Leben als Bauern erzählen und dokumentiert dies mit historischen und aktuellen Schwarzweiß – Fotografien.

Mit „Milch – Allgäuer Bergbauern und Bäuerinnen erzählen“ öffnet Christian Heumader wieder Türen in eine traditionelle Allgäuer Welt, die viele nicht (mehr) kennen. Der Fotograf, Autor und Verleger aus Bad Hindelang hat schon mehrere (Foto -)Bücher herausgebracht, die sich mit dem ländlich-bäuerlichen Leben und dem Arbeiten von einst und heute beschäftigen, mit dem Heumachen oder Holzfällen.
2011 gründete er den Bergweg Verlag. In den Büchern, die dort erscheinen, möchte er Historisches und im Verschwinden Begriffenes dokumentieren und öffentlich zugänglich machen. Im neuen Buch, gut 300 Seiten stark, berichtet der 67-jährige über die Landwirtschaft im Allgäu, genauer gesagt über Bergbauern. Ein wahres Füllhorn von Geschichten ist da zusammengekommen.
Wobei er nicht über sie schreibt. Vielmehr lässt er die Bäuerinnen und Bauern selbst zu Wort kommen. Er hat mit Ihnen lange Gespräche geführt. Dabei lässt er die Interviewten teilweise so sprechen, wie Ihnen der Schnabel gewachsen ist, sprich: in Mundart. Das bringt Lokalkolorit ins Buch, macht es authentisch. Verstehen werden die Dialekte des südlichen Ost- und Oberallgäus zwar längst nicht alle. Sie können aber beruhigt sein: Heumader hat alles ins Hochdeutsche übersetzt. Außerdem erklärt er, ähnlich einem Glossar, spezielle bäuerliche Ausdrücke wie Burde (rechteckiger Heuballen, der mit Zug- und Bodenseil geschnürt wird) oder Struibe (minderwertiges Heu, das als Einstreu verwendet wird).

In den Berichten und Erzählungen geht es viel um das, was früher war. Aber nicht nur. Die Bauern, die ihre Betriebe oft im Nebenerwerb betreiben, sprechen auch von der Gegenwart mit all dem Schönen und Schwierigen. Vom immerwährenden Problem des Wachsens oder Weichens, von harten Umweltschutzauflagen, von der Qualität der Milch und den (viel) zu niedrigen Preisen, von der Bürokratie, die die Politik Ihnen aufbürdet. „Betriebswirtschaftlich darf ich gar nicht rechnen, sonst müsste ich sofort aufhören“, sagt beispielsweise Wolfgang Rudolph aus Kalzhofen, der neben seinem Hauptberuf bei der Hündlebahn in Oberstaufen noch eine kleine Landwirtschaft führt mit neuen Kühen und Jungvieh.
Aber neben der harten Arbeit und den politischen und ökonomischen Zumutungen betonen die Bäuerinnen und Bauern immer wieder, wie schön ihr Leben ist. „Ich kann mir ein Leben ohne Landwirtschaft überhaupt nicht vorstellen“, sagt Agnes Waibel aus Gunzesried, die Tochter von Otto Waibel. „Vor allem wegen der Kühe. Die haben eine Ruhe, etwas Gemütliches“. Aber die 25-jährige mag auch die Arbeit sowie das Leben in und mit der Natur.

Heumader hat faszinierende Fotos gemacht – von Menschen wie Otto, und Agnes Waibel, von der Arbeit, von der Landschaft. Außerdem hat er sich historische Bilder geben lassen. So sind Bauern und Bäuerinnen beim Melken und Ausmisten im Stall zu sehen, beim Heumachen an den steilen Hängen, beim Küheaustreiben und -eintreiben, beim Käsen und Kehren, beim Hühnerfüttern und Holzmachen sowie bei weiteren Tätigkeiten, die sommers wie winters, einst wie heute zu erledigen sind und waren. Ein genauer Blick auf die Gegenwart, aber auch auf die Vergangenheit. So erhält „Milch“ eine historische Tiefe und wird zu einem einmaligen, wertvollen Dokument einer für viele fremden, gleichwohl faszinierenden Lebenswelt.

Allgäuer Zeitung, 1. Oktober 2016

Klaus-Peter Mayr
Die abenteuerliche Welt der Holzer

Das Pferd muss all seine Kraft einsetzen. Schwer ist die Last, die am Geschirr hängt. Einen Schlitten mit mächtigen Baumstämmen muss das Tier aus dem Wald ziehen. Die Holzarbeiter treiben es an und helfen zugleich. Schnee spritzt.
Für Allgäuer früherer Jahrzehnte, bevor die Maschine die Pferde und Ochsen ablösten, war solch eine Szene nichts Ungewöhnliches. Viele Bauern hatten ein mehr oder weniger großes Stück Wald, und wenn die Erntezeit vorbei war, konnten sie sich dem Holz widmen. Waldarbeit war Schwerstarbeit, für Menschen und Tiere.
Die meisten von uns Heutigen kennen das nicht mehr. Der Hindelanger Fotograf, Autor und Verleger Christian Heumader lässt nun die abenteuerliche Welt der Allgäuer Holzfäller wieder aufleben - in einem 300 Seiten dicken Buch in DIN-A-4-Format mit vielen historischen Schwarzweiß-Fotos. Sie öffnen Türen zurück in eine Zeit, die längst vergangen ist. Außerdem hat er Berichte von Zeitzeugen, teilweise in Mundart, dazu gestellt. O-Töne, die diese Fotos - und damit die Arbeitswelt von damals - erklären und kommentieren. Ein Geschichtsbuch mit vielen Geschichten.
Feuer fing Heumader im Jahr 2013. Damals sah er eher zufällig historische Bilder von Holzfällern. In beeindruckten die Menschen, wie er im Vorwort erläutert: ihr Aussehen, ihre Kleidung, ihre einfachen Werkzeuge, aber auch ihre Entschlossenheit und der Stolz in ihren Gesichtern. Die riesigen Stämme, die sie fällten und transportierten, imponierten ihm fast noch mehr. Von da an wollte Heumader mehr wissen - der Beginn einer Reise, die ihn durch etliche Bergtäler und die Stuben vieler Menschen führte. Er sei regelrecht weitergeleitet worden von einem Waldarbeiter zum nächsten, viele hochbetagt und einige inzwischen gestorben. So kamen immer mehr Geschichten, immer mehr Fotos zusammen.
Unterwegs bei Wind und Wetter
„Es war wieder einmal ein spannendes Projekt“, sagt Heumader, 63. Seit Jahren ist der Hindelanger mit dem Fotoapparat unterwegs, um das Allgäu jenseits von Idylle und Kitsch einzufangen. In faszinieren vor allem Dinge, die im Verschwinden begriffen sind. Für seine Bilder ist er bei Wind und Wetter unterwegs. Im Jahr 2013 hat er eine Auswahl von seinen Fotos in dem Buch „Stadel und Schinde - Hütten und Fluren der Hindelanger Bergbauern“ vorgestellt. Eine künstlerische Dokumentation, die poetisch und liebevoll auf die (Ober-)Allgäuer Kulturlandschaft blickt. Ein paar Jahre zuvor berichtete er in Buchform vom „Hoibat“ (Heuernte).
Nun bietet der 63-jährige wieder einen Einblick in eine Welt, die vielen fremd (geworden) ist. Offenbar trifft Heumader damit einen Nerv. Seit das Buch fertig ist, habe er viele begeisterte Rückmeldungen erhalten, sagt Heumader. Als Ein-Mann-Verlag habe er gerade zu tun, um die Nachfrage zu bedienen.
Waldarbeit ist eine extreme Art von Handarbeit, verbunden mit vielen Gefahren. Davon berichten die Bilder. An steilen Hängen und bei winterlicher Kälte sägen und bearbeiten Männer mit wilden Bärten und zerfurchten Gesichtern das Holz. Der Sabing war ihr wichtigstes Werkzeug. Wenn Schnee lag, beförderten sie das Holz mit Schlitten in die Täler - gelenkt und gebremst von den Männern selbst. Waldarbeiter wie Ludwig Brutscher aus Sonderdorf (bei Bolsterlang), genannt „Roosars Luggi“, haben Heumader von diesen Abenteuern erzählt. „Dieser Gefahren war man sich immer bewusst“, sagt Brutscher. „Und doch war es auch eine schöne Zeit“. Vielleicht auch, weil man abends in Hütten und Wirtshäusern zusammensaß, Kässpatzen aß, miteinander trank und sich die Geschichten vom Tag schilderte.
Heumader berichtet nicht nur von der Handarbeit, sondern auch wie Maschinen den Wald eroberten: Motorsägen, Traktoren, Raupen, Seilbahnen, Vollernter, Hubschrauber. Apropos Hubschrauber: Martin Müller erzählt von einem Absturz, den er schwerst verletzt überlebte. „Heute gehe ich wieder in den Wald“, sagt er am Schluss seines Berichtes. „Zusammen mit meinem Sohn, der von mir die Leidenschaft fürs Holzen geerbt hat“.



 

DAV Panorama, 68. Jahrgang, Februar 2016

Kultur & Medien

Eberhard Neubronner
Bedrohte Hangkultur

Das Oberallgäu ist ein idealer Raum für Bergsteiger und Wanderer, doch es bietet außer Gipfeln und hübschen Tälern auch andere Attraktionen. Leider nehmen viele Menschen sie kaum wahr. Der ambitionierte BergWegVerlag aus Bad Hindelang widmet sich nun nach „Hondweark“ (Handwerk) und „Hoibat“ (Heuarbeit) dem Thema „Stadel und Schinde“. Was steckt dahinter?
Während man beim hölzernen „Stadel“ in Ständerbauweise nicht fragt, steht man möglicherweise wegen des seltsamen Namens verwirrt vor der „Schinde“ am Hang. Dieses Konstrukt - massiver Blockbau mit unbehauenen Stämmen - gehört einer schon fernen Vergangenheit an wie alle 112 Fluren rund um Hindelang. Fast jede wird erklärt, ein Gang zwischen Mundart und heimischer Historie führt spannend von Ort zu Ort. Christian Heumaders exzellente Schwarz-Weiß-Bilder lassen das alpine Milieu buchstäblich sprechen, Alfred Wittwer kennt seine durch die Sonne gegerbten Objekte samt Äckern und Wiesen bis ins kleinste Detail.
Beiden Autoren gelang ein Buch, das den Blick schärft und jenseits lokaler Nabelschau zeigt, das letzte Reste bäuerlicher Kultur trotz ihres Verfalls da und dort noch zu finden sind: ohne Disneyland-Attitüde, mitten unter uns. Wir müssen sie nur sehen und schützen.



 

Allgäuer Zeitung, 8. November 2014

Klaus-Peter Mayr
Poetischer Blick aufs Allgäu

Ausstellung Der Fotograf Christian Heumader zeigt im Bauernhofmuseum Illerbeuren Schwarzweiß-Bilder von Landschaften und Menschen. Sie erzählen berührende Geschichten

Unser Leben ist schnell, laut und bunt. Da wirken die Fotografien von Christian Heumader wie aus der Zeit gefallen. Sie sind schwarzweiß, leise und beschaulich. Dennoch spiegeln sie das Leben wieder - freilich nur einen gewissen Teil. Der 61-jährige Hindelanger Fotograf richtet sein Objektiv gerne auf herbstliche Hügel, kalte Berggipfel, verschneite Wälder, und vor allem auf die alten Stadel und Schinden, die zur Landschaft gehören wie Bäume und Felsen. Aber er widmet sich auch den Menschen, die in dieser Landschaft leben und arbeiten.
Fast 1000 solcher Fotografien hat Christian Heumader in den vergangenen zehn Jahren gemacht. War bei Wind und Wetter im heimatlichen Ostrachtal unterwegs. Im vergangenen Jahr hat er eine Auswahl davon in ein Buch mit dem Titel „Stadel und Schinde – Hütten und Fluren der Hindelanger Bergbauern“ gepackt. Eine künstlerische Dokumentation, die mit poetischem, liebevollen Blick von der (Ober-) Allgäuer Kulturlandschaft erzählt und damit in der Tradition der Fotoarbeiten von Lala Aufsberg, Erika Groth-Schmachtenberger oder den Gebrüdern Heimhuber steht.
Nun stellt er 50 Fotografien im Illerbeurer Bauernhofmuseum aus. Und auch dort, in einem alten Gebäude, entwickeln sie eine faszinierende Wirkung. Das Architektur- Forum Allgäu hat diese Ausstellung organisiert, in der Reihe „Landluft“. Damit soll der Blick gerichtet werden auf die Entwicklung des ländlichen Allgäuer Raums – den es einerseits zu bewahren, andererseits zu gestalten gilt.
Mal wählt Christian Heumader die Totale, zeigt, wie sich Landschaft und Bauwerke zu einem Gesamtbild ergänzen, das, wie er sagt, „uns viel mehr erzählt, als ein idyllisches Landschaftsfoto“. Manchmal aber geht er auch ganz nah heran an seine Motive. Spürt den Maserungen der Bretter nach, zeigt Holzdübel, die eine Hütte zusammenhalten, ein rostiges Scharnier oder Heu, das durch einen Fassadenspalt ins Freie drängt. Da sprudeln die Fotos wie Quellen, berichten von Zeit und Vergänglichkeit.
Vielleicht sollte sich Heumader aber noch mehr auf Menschen konzentrieren. Auf Bilder, die zeigen, wie Bergbauern auf Schlitten das Heu ins Tal bringen oder eine Wiese am Hang mähen. Das bringt Betrachtern eine Welt näher, welche die meisten nicht (mehr) kennen.
Besonders aufregend aber sind drei Porträts. Sie zeigen die Brüder Heinrich, Bernhard und Adolf Besler aus Hinterstein. Männer fortgeschrittenen Alters, in deren Gesichter sich ein reiches Leben eingegraben hat, deren Augen von Zufriedenheit oder Sorgen künden. Da tut sich eine ganze Welt auf. Und wer noch nicht genug hat, kann sich zusätzlich die vielen historischen Fotos von Heumader und anderen Fotografen anschauen, die in einem realen Stadel gezeigt werden.

 


 

Südwest-Presse, 21. März 2015

Eberhard Neubronner
„Hoibat“ - Die harte Arbeit am Hang
Ein Buch über Allgäuer Bauern und Bergwiesen

Der ruhige Raum wird oft vom Lärm überschwemmt, er hat es nicht leicht. Dies gilt auch für das Ostrachtal bei Bad Hindelang, wo während vieler Jahrhunderte die Bergwiesen gemäht worden sind. Ein hartes Stück Alltag, außeralpin eher selten beachtet, dessen Zweck man nun mit dem Wort Landschaftspflege umschreibt.
Das Werk „Hoibat“ - alias Heuernte - stellt jene Bäuerinnen und Bauern im Allgäu vor, die einst Tag für Tag schufteten, hoch oben am Hang oder unten ums Dorf herum, wo ihre Arbeit etwas weniger anstrengend war. Wer denkt noch daran außer den Älteren und Uralten? Welchem Gast erschließt sich das Gestern, wenn er wandert oder auf Gipfeln steht?
Christian Heumader (Fotos) und Josef Schmid (Texte) wagen den Wurf: Wohl wissend, dass Vergangenes oft wie ein nutzloses Relikt abgelegt wird, dokumentieren sie das „Hoibat“ mit aktuellen und historischen Bildern. Schmid kraftvolle Lyrik, nicht zuletzt, möchte man immer wieder lesen. Sein schönes Gedicht „Wiesenheuerin“ endet am Schluss so: „Dein Blick wirft / einen Stein / in mein stilles glattes Wasser / Du bist der Sommer“. Im Original lauten die Zeilen: „Ding Glüegat wierft / an Schtui...“ Das klingt wie ferne Musik.

 



Bayerisches Jahrbuch für Volkskunde 2013

Dr. Birgit Speckle M.A.
Hoibat – Die Geschichte der Bergwiesen im Ostrachtal

„Was heute viele Menschen in der Freizeit suchen, war früher Bestandteil der täglichen Arbeit: Anstrengung und Risiko“. Mit dieser Feststellung führt „Hoibat“ (mundartlich für „Heuernte“) ein in die Dokumentation einer Arbeit, die noch in den 1950er Jahren den Alltag vieler Allgäuer Bergbauern prägte: Die mühsame Heuernte an steilen, schwer zugänglichen Berghängen...

...Beschrieben werden in dem aufwändig gestalteten Bildband das Mähen des Grases, seine Schichten auf den niedrigen Heinzen oder rund um eine meterhohe Tristenstange, schließlich der Abtransport des Heus in Tüchern, auf eigens gefertigten Schlitten oder mit waghalsig konstruierten Drahtseilbahnen...

...Für seinen zweiten Bildband kombiniert der in Bad Hindelang im Oberallgäu ansässige Fotograf Christian Heumader von ihm selbst gemachte Schwarz-Weiß-Fotografien mit historischen Bildmaterial, dass bis um 1900 zurückreicht. Heumader nimmt dabei immer wieder den Wandel der letzten Jahre in den Blick, in dem er etwa das Verschwinden nicht mehr bewirtschafteter Bergwiesen und der dazugehörigen Hütten binnen weniger Jahre zeigt: Die Hütten verfallen, die Wiesen holt sich der Bergwald zurück...

...Zusätzlich steuert der Mundartdichter Josef Schmid Texte bei, die sich mit der Arbeit auf den Heuwiesen, mit dem Werden und Vergehen der verlassenen Kochhütten und Almwiesen befassen und die Gefühle der Wiesenmäher mit einer bedachtsamen, zuweilen philosophischen, immer aber bewusst subjektiven Sprache wiederzugeben versuchen...

...Mit „Hoibat“ ist Christian Heumader und Josef Schmidt eine gewagte Mischung gelungen: Historisches und aktuelles Bildmaterial ist sorgsam in den Bezügen aufeinander abgestimmt. Dabei reichen die Bildinhalte über dokumentarische Aussagen hinaus, haben doch gerade Heumaders Fotografien häufig auch meditativen Charakter, bestechen stets durch Tiefenschärfe und manchmal auch durch Komik...

...„Hoibat“ ist kein wissenschaftliches Werk und will es auch nicht sein. Doch prägen das Buch Detailfreude, ohne das große Ganze aus den Augen zu verlieren sowie eine einfühlsame und respektvolle Präsentation der Aussagen von Zeitzeugen. Dies in Kombination mit dem beeindruckenden, sorgfältig zusammengestellten Bildmaterial kann durchaus inspirierend sein für sachvolkskundliche Untersuchungen.
Wer das Buch, irgendwo in Bad Hindelang oder Sonthofen in einem Wirtshaus sitzend, aufschlägt, dem kann es – wie der Rezensentin - geschehen, dass die jugendliche Bedienung stehen bleibt und auf den Fotos Nachbarn und Familienmitglieder benennt: „Die kenne ich alle, ich könnte selber ein Buch über diese Leute machen.“ Heumader und Schmid haben das Buch gemacht und es ist lesens- und betrachtenswert, weit über das Oberallgäu hinaus.

 


 

Bayerischer Landesverein für Heimatpflege e.V.
Schönere Heimat, 97. Jahrgang, 2008/Heft 4

Michael Ritter
Hôndweark – Die Arbeit mit den Händen

Sie ist selten geworden, die Arbeitswelt jenseits von Automatisierung und Fließband, die Arbeitswelt, in der mit alten Werkzeugen, überlieferten Techniken und mit dem bloßen Geschick der Hände Gegenstände hergestellt werden. Im Ostrachtal, einem kleinen Gebirgstal der Allgäuer Alpen bei Bad Hindelang ist diese Welt des traditionellen Handwerks hie und da noch zu finden. Ihm widmen sich der Fotograf Christian Heumader und der Autor Josef Schmid mit diesem außergewöhnlichen Buch.
Der hochwertig edierte Bildband beschreibt Arbeit und Alltag von Berufen, die oft kaum noch vertraut, teilweise sogar im Verschwinden begriffen sind: der Schuhmacher, der Nagelschmid, der Sattler, der Schindelmacher oder der typisch schwäbische „Allround-Handwerker“ des Mächlers. Die großformatigen Schwarz-Weiß-Fotos von Christian Heumader sind jedoch weit mehr als nur Dokumentationsaufnahmen. Der Fotografen-Meister hat sich mit spürbarer Sensibilität auch auf die Menschen eingelassen. Ob er die Konzentration eines Handwerkers bei der Arbeit einfängt oder nur zwei Hände neben einer Nagelkiste zeigt, ob er einen Blick in eine überfüllte Werkstatt wirft oder nur ein Detail wie ein Wandbord mit aufgereihten Stemmeisen wiedergibt, die Aufnahmen von Heumader sind Verdichtungen menschlichen Lebens und Schaffens. Seine Bilder beschönigen und idealisieren nicht und dennoch - oder vielleicht gerade deswegen - strahlen sie eine große innere Gesetzmäßigkeit und Ruhe aus. Auch wenn sie vielfach Vergangenes und Vergehendes festhalten, so atmen sie dennoch den Hauch der Zeitlosigkeit.
Nicht weniger stark berühren die begleitenden Mundarttexte von Josef Schmid. Sie sind jedem Kapitel, also jedem Beruf, einführend vorangestellt, wollen aber weder lexikalische Kurzdarstellungen in Dialektform noch bloße Bilderläuterungen sein. Sie sind vielmehr eigenständige kraftvolle Schöpfungen, die den gezeigten Bildwelten kommentierend, interpretierend, sinnierend gegenüberstehen. Die in Lautschrift wiedergegebenen Dichtungen in Ostrachtaler Mundart können in gestalterisch angenehmer Zurückhaltung auch als hochdeutsche Übersetzungen mitgelesen werden. Nichtsdestotrotz wird sich auch ein Leser, der mit diesem Dialekt nicht vertraut ist, dem Sog dieser Texte nicht entziehen können. Man fühlt sich regelrecht stimuliert, die Texte laut mitzusprechen, um den Rhythmus und die Kehligkeit diese Sprache zum Klingen zu bringen.
Der Bildband „Hôndwerk“ konzentriert sich auf das Wesentliche, in den ausdrucksstarken Fotos, in den einfühlsamen Texten aber auch in der klaren grafischen Gestaltung. Dies macht ihn zu einer geistigen wie visuellen Entdeckungsreise nicht nur ins Ostrachtal, sondern darüber hinaus in Gegenwart und Vergangenheit menschlicher Arbeitswelten. Auch wenn das Buch erahnen lässt, das es vielleicht schon bald ein Dokument entschwundener Zeitgeschichte sein wird, so verfällt es dennoch zu keinem Zeitpunkt in Klage oder Weinerlichkeit. Im Gegenteil strahlt es ein Gefühl von bescheidener Gelassenheit aus. Kein Wunder, können doch die vorgestellten Menschen von sich sagen: „Iseruis reachnet mit Jôhrhunderte“ (Unsereins rechnet mit Jahrhunderten).